St. Andrä - Das Dorf der Schmieden

Entlang des Göriachbaches, angefangen unten bei der Kesselschmiede bis hinein zum Hammersteg, wo der Schwarzenbach einmündet, haben hintereinander nicht weniger als 14 oder vielleicht sogar noch mehr private Schmiedewerkstätten gestanden. 

Bei sechs Andräer- und Lasacher-Bauern sind diese hauseigenen „Feuer-Häuser" oder „Feuer-Behausungen" grundbücherlich bzw. in den Urbarbüchern eingetragen. Es sind dies: Harrer, Diktn, Seifter, Kößler, Reicher und Lankmayer. Heute noch vorhanden, aber in Hausnähe versetzt sind sie beim Draxl und Holzer. Weiters waren laut mündlicher Überlieferung auch das Pinggl, Kirchner und Peterbauern im Besitze einer solchen Hausschmiede gewesen. Das waren zusammen elf. Nun muß man aber annehmen, daß die ehemaligen Doppelhuebenbauern Edlinger und Wirt sowie der große Karlbauer in Lasa und vielleicht auch der alte Krapfl (heute Andlwirt) und Hiesinger bei der Nebenerwerbstüchtigkeit ihrer Nachbarn kaum nur zugeschaut, sondern mit Sicherheit auch eine solche Schmiedewerkstätte betrieben haben. 

Außerdem scheint in den Urbarbüchern eine weitere „Feuerbehausung" auf, die zwar zu einem Bauern in Mörtelsdorf gehörte, aber hier gestanden hat und wohl von Mörtelsdorf aus betreut wurde. Vielleicht ist ihr Besitz einmal durch Erbschaft dorthin gelangt. Die Besitzer dieser Schmieden waren durchwegs „Nebenerwerbsbauern", die neben der Bewirtschaftung ihrer meist großen Doppelhueben auch noch als Schmiedemeister in einer hauseigenen Schmiede werkten und die althergebrachte Kenntnis dieses Handwerkes vom Vater auf den Sohn und Enkel vererbten. Durch Jahrhunderte ist die Kenntnis dieser Arbeit so in Fleisch und Blut übergegangen, daß die Bauern auch nach der Stillegung des Hammerwerkes auf ihre liebgewonnene Nebenbeschäftigung nicht verzichten wollten, und nun ihre eingerichteten Schmieden mit allem Werkzeuginventar in vereinfachter Form in die Nähe ihrer Häuser verlegten und sie weiterhin für ihren Hausgebrauch nützten.

Schmiedewerkstätten standen in alter Zeit grundsätzlich immer nur neben Wasserbächen, weil man die Wasserkraft für den Hammer und das Gebläse brauchte. So auch hier. Die vielen Werkstätten nützten in langer Reihe hintereinander die Wasserkraft des Göriachbaches. 

St.Andrä war ein richtiges Industriezentrum, an dem sogar auch die Bauern von Lasa gleichberechtigt beteiligt waren, denn auch von ihnen hatte jeder herunten beim Bach seine eigene Werkstatt. Beim Reicher/Pölzen, das ja früher als Doppelhuebe eine Einheit bildete, ist die Lage dieser Schmiede hinter dem Kirchhof und neben dem Kirchnergarten sogar noch eindeutig umschrieben. 

Unten an der Taurach aber lag auf dem Gelände der heutigen Fabrik das von der Grundherrschaft selber betriebene große Hammerwerk, wo das von den Hochöfen Bundschuh und Kendlbruck bezogene Roheisen gehämmert und veredelt wurde. Dann erst verarbeiteten die Bauern einen eher geringen Teil dieses Eisens zu Gegenständen des täglichen Gebrauches. Der größere Teil aber ist sicher schon seit jeher in den Handel gegangen. Hier aber wurden erzeugt: Hufeisen, Wagen- und Schlittenbeschläge, Sensen und Sicheln und das zugehörige Dengelzeug, dann Hacken, Ketten, Messer und Türangeln, Pflugscharen, Eggenzähne und Gabeln aller Art, Truchenbeschläge, Pfannen und  Krapfenspieße und hunderterlei andere Notwendigkeiten.

Diese Fertigwaren werden sich die Bauern aus dem ganzen Lungau im Einzelhandel geholt oder auf den Jahrmärkten gekauft haben. Der größere Teil dieser Erzeugnisse ging an die Hammerverwaltung zurück und man wird sie dort gegen das bezogene Eisen verrechnet haben. Und da setzte nun jener Handel ein, von dem in der Beschreibung des Hammerwerkes die Rede ist und wovon auch Hatheyer in seiner Tamsweger Chronik Seite 136 schreibt, daß in Tamsweg bedeutende Eisenhandlungen bestanden haben und viele Eisenwaren aus St. Andrä bezogen wurden. Auch berichtet Hatheyer, daß in St.Andrä vor dem Jahre 1662 noch ein Drahtzug bestanden habe. Später ist dieser für Wölting beurkundet und zuletzt in Mauterndorf.

In dieses Bild fügt sich ganz natürlich ein der Kupferhammer, die Kesselschmiede und das „Verzünnungswerk". Diese Betriebe waren die notwendige Ergänzung der Eisenerzeugung und vervollständigten das Angebot an täglichen Gebrauchsgegenständen. Besonders die Kupferkessel waren für die Milchwirtschaft zur Käsebereitung und zum Läutern des Butterschmalzes in jedem bäuerlichen Haushalt unumgänglich notwendig. Daher war der Betrieb der Kesselschmiede auch so umfangreich, daß zeitweise sogar 9 Gesellen angestellt waren, wie Hatheyer aus einem Gerichtsprotokolle erforscht hat. Unter den Kleinhäuslern von St.Andrä aber gab es 2 Schneider, 1 Faßbinder und zeitweise sogar 4 Weber: Grießweber, Krainer, Göral und Christan (heute Anderlwirt). Sie sind selbstverständlich genötigt gewesen, häufig auf Stör-Arbeit nach auswärts zu gehen. Besonders die Weber sind oft auch weit nach Kärnten und Steiermark ausgeschwärmt. 

Überblickt man diese ganzen Nachrichten, dann wundert man sich über die Regsamkeit dieses Ortes. Und dann versteht man erst, warum diese Siedlung schon in alter Zeit so wertvoll gewesen ist, daß sie dem Kloster Ossiach bereits im Jahre 1025 als Gründungsmithilfe übergeben wurde. Vorher dürfte sie wohl den Gaugrafen von Pfarr gehört haben und es ist anzunehmen, daß diese hier eine Waffenschmiede eingerichtet haben. Eine solche Erzeugungsstätte war hier im abgeschlossenen Lungau nötig, weil man ja nach der Niederwerfung der Slawen immer noch gerüstet und auf der Hut sein mußte. Wie weit aber die Tradition der Eisenverarbeitung bis in ihre Anfänge zurückreicht, das läßt sich nicht mehr ermitteln. Die Tatsache, daß es sich hier um eine Edlingersiedlung handelte, führt uns allerdings bis in die Zeit der Windischen um 700 n. Chr. zurück. Erwiesen ist, daß diese Slawen nicht nur gute Bauern, sondern auch geschickte Handwerker gewesen sind und Bergbau betrieben haben. 

Die landesfürstliche Hofkammer hatte beim Kauf des Hammerwerkes im Jahre 1763 von St.Andrä noch auf eine neue Blüte der Bergwerke im Lungau gehofft, aber die Zeit war einfach schon vorbei. Im Jahre 1800 wurde der Hammer käuflich an einen Gottfried Poschinger in Neumarkt bei Salzburg vergeben, der ihn aber 1808 an die Eisenhändler Steiner und Türk in Klagenfurt veräußerte. Diese betrieben auch den Hochofen in Bundschuh. Der Verfall ging aber weiter und es kam zu einem Konkurs, aus dessen Masse schließlich der Fürst Schwarzenberg diesen Hammer 1831 käuflich an sich brachte. Er ließ das veraltete Werksgebäude niederreißen und ein neues errichten. Der Betrieb wurde 1843 wieder aufgenommen und schien damals noch zu einiger Blüte zu kommen,als Ignaz Kürsinger, der Verfasser der bekannten Lungauer-Beschreibung, 1846 St.Andrä besuchte. Um diese Zeit waren, wie Kürsinger schreibt, am Werke 24 Hammerarbeiter und 3 Zimmerleute beschäftigt und es wurden jährlich 35 bis 40.000 Faß Holzkohle verfeuert. Die umliegenden Bauern dürften gut daran verdient haben.

Während in früheren Zeiten die Roheisenflötze oder „Flossen" aus den Hochöfen Bundschuh und Kendlbruck bezogen wurden, so ließ nun der Fürst Schwarzenberg dieses Rohmaterial aus seinen eigenen Eisenwerken in Turrach herbeischaffen und hier weiterverarbeiten. Auch das alte Verwalterhaus wurde in jenem Jahre 1846 demoliert und von Grund auf neu gebaut. 

Da man um diese Zeit im Hammerwerk auch anfing, Stahl zu erzeugen, so konnten die Bauern mit diesem neuen und viel zu harten Material nichts mehr anfangen und mußten mit ihren kleinen Schmieden langsam aufhören. Aber auch das Hammerwerk schleppte seinen Betrieb nur mehr mühsam ein Vierteljahrhundert weiter und dann war endgültig Schluß. In der Zeit um 1850 setzte schon allmählich die Industriealisierung ein und da sind auch die letzten bäuerlichen Hausschmieden zum Stillstand gekommen. Das Schicksal der vielen Kleinschmieden war besiegelt. Manche der Bauern hatten schon früher aufgehört, weil der oftmalige Verkauf des Hammers alles verunsichert hatte. Nun versetzten einige von ihnen ihre Schmieden zu den Häusern und benützten sie nur mehr für den eigenen Hausgebrauch, zumal auch der Göriachbach an den alten Gebäuden und Wasserwerkenviel Schaden angerichtet hatte und Erneuerungsarbeiten sich nicht mehr lohnten. 

Für den bloßen Hausgebrauch aber konnte man auch ohne Wasserkraft auskommen. Und schließlich hat der Wildbach auch die letzten Spuren dieser einstigen Betriebsamkeit verwischt. Nur der Name Hammersteg ist noch geblieben und am Werksgelände ein Sägewerk auf anscheinend sehr altem Mauerwerk. Die Kenntnis des Schmiedehandwerkes hat sich aber bei den Bauern, wie schon erwähnt, bis in unsere Zeit herein teilweise noch erhalten. 

Aus der Orts-Chronik von St. Andrä 


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