Lungauer Bergbau-Sagen
Der Weißeck-Hund


Zu Zeiten, als sich im Zederhaustal noch die Venedigermandln und wellischen Erzstrahler sehen ließen, hauste in dem Felsen über dem Ei’g’hagten Moos der Weißeckhund.

In Sturmnächten, wenn über die Tauernscharte mit jagenden Wolken die Gewitter herüberzogen, sodass man sich am liebsten im Ofenwinkel verkroch, kam er mit einem großen eisernen Schlüssel im Maul aus dem Innern seiner Felsenwand und starrte über das dunkle Moor. Mitten im furchtbarsten Sturmgebraus stand er dort oben, und seine Augen glühten wie Feuer. Schwarz und weiß gefleckt war sein Fell, der Schädel von ungeheurer Größe, und bleckend zeigte er sein scharfes Gebiss. Niemand von den Almleuten der Gegend, auch kein Welscher und kein Knappe, hatten es gewagt, sich dem Ungeheuer zu nahen. Dabei war es eine alte, oft erzahlte Überlieferung, dass dieser Schlüssel in seinem Maul alle Schätze des Weißecks erschließe.

Es geschah in eben einer solchen rauhen Gewitternacht, in der die Wolkendecke da und dort wie durch Geisterkraft aufriss und die endlose, mondhelle Weite des Nachthimmels zeigte, dass es beim Schwarzenbichler, wo schon alles bei der Ruhe war, heftig an die Haustür klopfte.


Gewitter bei Mariapfarr  - Sommer 1998

Zuerst wollten sich die Hausleute in ihrem Schlaf nicht stören lassen, aber dann stieg die Schwarzenbichlerin, in der Sorge, es konnte jemand ihre Hilfe brauchen, doch aus ihrem eingewärmten Strohsack, um Nachschau zu halten. Im Finstern tat sie ihr Gewand an, zündete einen Kienspan an und entriegelte dann die Haustür.

Da stand ein eisgraues Männlein vor ihr, der Bart reichte ihm bis an die Knie und seine altväterische Aufmachung wäre zum Lachen gewesen, hätte das Mandl nicht so einen ernsten, bittenden Ausdruck im Gesicht gehabt. In seiner Linken steckte ein Bergstock, in der Rechten die Laterne. "Bäuerin", sprach es sie geheimnisvoll an, "wenn ihrs richtig anfangt, tut, was ich euch sage und furchtlos seid, so könnt ihr in dieser Nacht euer Glück machen !"

Die Schwarzenbichlerin, sonst eine Resolute, die auf wunderliche Begebenheiten nicht recht viel gab, fragte diesmal nicht lang, sondern ging, ohne es sich recht zu überlegen, dem altväterischen Mandl und dem Lichtschein seiner Laterne nach. Taleinwärts durch die dunkle Sturmnacht wurde sie geführt, wo sich hoch über den finsteren Wolken die Mondsichel zeigte, die weiß und kalt über den Himmel jagte.

Sie knüpfte ihren lodenen Wetterfleck fester um die Schultern und stapfte taleinwärts, immer den Steig entlang, über den der schwache Lichtkreis der Laterne vorantanzte. Nach einer Weile, sie mussten schon über das Ei’g’hagte Moos hinaus sein, hieß sie das Männlein stehenbleiben. "Dort vorne", sagte es und deutete auf die Felsenwand vor ihnen, "wirst du auf den Weißeckhund treffen. Den eisernen Schlüssel, den er im Maul trägt, musst du ihm entreißen. Hab keine Angst, sein Schnauben und Toben ist nur Geisterspuk und kann deiner Menschenseele, solange du furchtlos bist, nichts anhaben. Hast du den Schlüssel, so hast du auch alle Schätze dieses Berges, dessen Inneres unermesslich reich ist. Aber auch wir, die im Bann dieses Schatzberges gefangen liegen, sind dann endlich erlöst. Also sei tapfer !"

Die Bauerin versprach es mit einem stummen Nicken und trat auf den Felsen zu, wo sie die Umrisse des Geisterhundes dunkel erkennen konnte. Aber war es denn ein Hund? Oder war es nicht doch nur ein Fels, der im Mondlicht die Zeichnung eines Hundes zeigte? Die Schwarzenbichlerin tastete sich zwischen den Latschen bergauf zur Wand, suchte Halt an Felsstücken, griff in Erlenäste, um sich abzustützen und das Gleichgewicht zu halten.

Endlich hatte sie den Kopf des Hundes, groß wie ein Wagenrad war er, gerade vor sich, die Zähne waren wild gefletscht, die Augen glühten wie Kohlestücke. Aber als sie noch einen Schritt auf ihn zutat, da fiel das volle Mondlicht ein, und für einen Augenblick war er wieder nur Stein, wie gemeißelt und tot. Die Bauerin streckte ihre Hand aus, um den Felsen abzutasten, fürchtete, bald in das weiche Zottelfell des ungeheuerlichen Hundes zu greifen, aber ihre Hand strich nur über nasskalten Stein, den weiße Adern von Milchquarz durchzogen und über kleine, weiche Moospolster. War das ein Hund? Wohl eher ein Stein, der so aussah wie ein Hund. Aber dann fasste ihre Hand ein Stück Eisen, das im Fels feststeckte, sich aber drehen ließ. Der Schlüssel !

Vor Aufregung hatte die Schwarzenbichlerin beinah das Gleichgewicht verloren, aber dann packte sie zu, zog fest und fester, um den Schlüssel herauszuziehen. Ein furchtbares Kläffen dröhnte ihr aus der Wand entgegen. Es war ein so wütendes Geheul, dass es ihr alle Kraft nahm. Vor Entsetzen ließ sie den Schlüssel, den sie schon zur Hälfte aus der Wand gezogen hatte, los. Im nächsten Augenblick hatte sie sich wieder gefasst, die Hand glitt suchend über den Felsen, um die Stelle wiederzufinden. 

Aber der Schlüssel war verschwunden, der Stein glatt und kahl, als wäre da nie etwas gewesen. Ganz benommen war ihr und mit einmal spürte sie auch, wie durchnässt ihre Schuhe waren und sie selbst durchgefroren bis auf die Haut. Die Bergspitzen ragten mächtig und erhaben in den Nachthimmel auf, und von dem Bergmännlein und seiner Laterne war nichts mehr zu sehen. "Nichts als nur heim! Unter mein geschütztes Dach und ins warme Bett !", sagte sich die Schwarzenbichlerin.

Wie endlos schien ihr nun der Weg, jeder Schritt kostete Überwindung, aber endlich stand sie vor ihrer Haustür. Der Schwarzenbichler murrte, was ihr nicht einfiele, bei dem Wetter und mitten in der Nacht einfach auf und davonzugehen. Da vertraute sie ihm ihre Begegnung mit dem Weißeckhund an. Er zeigte, mitten aus dem besten Schlaf gerissen, wenig Sinn für ihre Schatzsuche, schimpfte sie ein pudelnarrisches Weibsbild, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Er war aber doch zufrieden, dass seine Alte wieder wohlbehalten an seiner Seite war.


Der alte Schwarzenbichlerhof in Zederhaus

Der Schatz in der Wand blieb ungehoben. Viele Wanderer haben noch von dem Erscheinen des Weißeckhundes erzählt, wussten von diesem ungeheuerlichen Geisterhund, dessen schwarzweiß gefleckte Zeichnung mit dem großen Schädel in der Felswand über dem Ei’g’hagten Moos stand. Seinen Schlüssel abgenommen hat ihm noch keiner. Aber in einer rauhen Novembernacht, als schon der Schnee vom Gebirge aufs Tal herunterdruckte, erschien bei der Schwarzenbichlerin noch einmal das graue Mandl. Noch ernster war diesmal der Ausdruck in dem wunderlichen Zwergengesicht, und mit der ganzen Traurigkeit, die solche verwünschten Gestalten an den Tag legen, richtete er ein Wort des Abschieds an die Schwarzenbichlerin: "Wir Bergmandln, Bäuerin, müssen nun wieder lange auf Erlösung warten. Erst wenn die Zirbe vor eurem Haus gefällt ist und aus ihren Brettern eine Wiege geschnitten wird, soll das erste Kind, das darin liegt, jenes Glückskind sein, dem es bestimmt ist, dem Weißeckhund den Schlüssel aus dem Maul zu entreißen und damit alle Schätze zu heben, die im Berg verborgen sind. Bis dahin ist noch viel Zeit. Gott behüt dich Bauerin !", meinte das Männlein und war spurlos verschwunden. 


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