Lungauer Bergbau-Sagen
Rast bei der Kalten Kandl


Es war in den letzten Jahren des Fürsterzbistums Salzburg, irgendwann zu Ende des 18. Jahrhunderts, da saß an einem prächtigen Sommertag eine illustre Herrenrunde bei der Kalten Kandl und hielt Rast.

Schön aufgeputzte Pferde grasten zwischen zierlichen Kaleschen und zwei Bediente in Jägerkleidung waren beschäftigt, einen fürstlichen Imbiss auszurichten, indessen die Herren auf Brokatdecken und Seidenkissen rund um den sprudelnden Brunntrog saßen. Das Quellwasser machte die schwüle Sommerluft hübsch frisch und kühl. Aus Picknickkörben mit Wappenprägung kamen feines Essgeschirr, elegantes Besteck, Kristallgläser und silberne Becher zum Vorschein. Eine herrschaftliche Jause mit kaltem Braten, Weißbrot und welschem Wein sollte die Reisegesellschaft stärken.

Montanisten, Bergwerksbeamte, Professoren der Naturwissenschaft und erprobte Werkmeister im höchsten Dienstrang hatten sich da zu einer Exkursion ins Eisenrevier Bundschuh zusammengefunden. Ihr Auftrag war es, die Ursache für die schwindende Ergiebigkeit der Erzlager zu finden und nach Möglichkeit neue, ergiebige Bodenschätze aufzuschließen. Wie es sich für Leute von Stand gehört, wussten sie das Fachliche mit dem Unterhaltsamen zu würzen, sodass zwischen ihren gelehrten Disputen immer wieder Gelächter erklang. Es war aber auch ein prachtvoller Tag.

Nur einer wollte so gar nicht in die feine Runde passen. Flammend rot fiel das lange Haar auf die Schultern und umrahmte mit wirrem Gelocke ein Mondgesicht, wie es nur zu einem Fexen passte. Zwei grüngraue Koboldsaugen blickten halb stupide, halb listig aus dem bleichen Gesicht, das kaum Wimpern und Brauen zeigte. Derbe Schuhe steckten an den übermäßig großen Füßen, und an seiner schmalen, aber doch etwas unförmigen Gestalt hing ein verschlissener Anzug von grünem Loden. Am Rücken festgeschnallt war, Rast hin oder her, der unentbehrliche Buckelkorb.

Das war der Körbler Simon! Jedes Kind im Tal hätte es gewusst. Nur die vornehmen Herren aus Salzburg konnten den tölpelhaften Faun in ihrer Mitte nicht einordnen. Weil er nicht in ihre Gesellschaft passte, war er ihnen unbehaglich. Gleich neben dem Bergrichter war ihm der Platz angewiesen, und so wie er da hockte, scheu wie ein Reh und plump wie ein Frosch, fragte sich ein jeder "durfte der nun da sitzen oder musste er ?" So wie der Simon dreinschaute, wusste auch er es nicht so ganz genau.

Schon vor einer Woche hatte ihn der Bergrichter ausforschen lassen und ihm eingeschärft, er solle sich bereithalten, er werde zum Aufspüren neuer Erzgruben gebraucht, wenn die Herren von der Gesellschaft den Lungau bereisten, um das Versiegen der Erzlager aufzuhalten. Beim Raner in Thomatal, wo der Simon ein Stübl hatte zum Korbflechten und wo seine alte Mutter seit sieben Jahren auf dem Strohsack lag, weil sie ihre Beine nicht mehr trugen, sodass sie bei lebendigem Leib verfaulte, aus diesem Stübl also, hatte ihn der Bergrichter holen lassen. Er war gerade fein brav bei seinen Körben gesessen.

Die Korbflechterei stach ja in Wahrheit dem Simon ganz gehörig in der Nase und das war soweit kein Geheimnis. Denn auch der Simon wusste sich leicht etwas Besseres, als sich in dem Gestank seiner Einlegerkammer auf einem Schusterschemel dahinzufretten und Körbe zu flechten, die nicht das einbrachten, was er in einem langen Monat an Tabakgroschen verbrauchte. Ohne Tabak aber war so ein Hundeleben schon überhaupt nichts mehr wert.

Viel lieber streifte er, frei und sein eigener Herr, über die Landschaft, folgte den Steinschichtungen und Adern, die das Gebirge wie zu einem großen Menschenleib formten. Ein Kribbeln in den Sohlen und ein Ziehen in den Armen deutete ihm die Erzlager an. Gab es etwas Aufregenderes als dieses Zusammenklingen mit dem unterirdischen Erdkörper? Er kannte die Steine, auch wenn er sie nicht so benennen konnte wie die gelehrten Herren, aber auch er hatte Namen für sie, und sie riefen ihn und gaben ihm Zeichen. Das taten die Steine bei den Herren wohl nicht.

Er wusste die Stellen, wo er mit bloßen Händen Brocken von Bleierz aus dem Almboden graben konnte. Die Bauernburschen gaben ihm dafür gute Silbergroschen und gossen sich Büchsenkugeln. Warum sollte der Herrgott das Wild nur in den Kupferkesseln der Burgen und Märkte dulden? So ein Gamsbraten schmorte auch ganz himmlisch in einer schwarzen Eisenpfanne, dachte der Simon, und er hatte davon seine Tabakgroschen und gelegentlich einen Schnaps dazu.

Aber der Bergrichter hatte von dem Handel Wind bekommen, den Simon vorgeladen und verwarnt, ihm Schanzarbeit und Kerker angedroht. Aber dann wurde wieder nach ihm geschickt, weil sie keinen besseren hatten, um eine neue Erzader anzuschlagen oder einen unterirdischen Wasserlauf auszuforschen.

Da hieß es: "Der Körbler Simon muss her !" Wenn es ihm aber nicht passte, dann blieb er verschwunden. Aber diesmal, das war ein starkes Stück gewesen! Der Bergrichter hatte ihn beim Grubl in Thomatal den wartenden Inspektoren vorgeführt, als wäre er ein Zauberer oder ein dreischeckiger Hund. "Das ist die Spürnase, die uns im Lungau die Goldadern aufschließt, meine Herren. Lassen Sie sich von dem einfältigen Gesicht und der lumpenhaften Erscheinung nicht irritieren! Dieser Sonderling ist mehr wert als so mancher sächsische Bergingenieur. Wissen die Herren, was der Fex prophezeit? Der Schwarzenberg soll in seinem Innern soviel Gold enthalten, dass er es wert wäre, ihn mit goldenen Schindeln einzuzäunen. Aber nun, die werten Herren, Aufbruch nach Bundschuh, in unser Eisenrevier! Wir wollen sehen, was mein Cretin uns dort aufspürt."

So war die Rede gegangen, und man hatte den Simon angestaunt und dann neben den Bergrichter auf den Wagen geladen. Die Herren rückten merklich zur Seite, taten aber herablassend freundlich zu ihm. Indessen hatte die feine Gesellschaft ihren Durst an der Kalten Kandl gelöscht. Der Braten hatte auf silbernen Tabletts mehrfach die Runde gemacht, und aus schlanken Glasbouteillen wurde der Wein ausgeschenkt.

Zuvorkommend machten die Herren einander den Mundschenk und prosteten sich zu. Für den sonderbaren Bergfaun, den sie mitführten, wussten sie freilich keine Etikette, wie zu verfahren sei. Ein feines Kristallglas in seiner Hand oder ein Silberbecher, das wäre doch ein lachhafter Fauxpas. Aber da kam ein brillanter Einfall. "Simon!", hieß es, "halt er seinen Hut auf !"

Aufs erste war dieser so verdutzt, dass er willig seinen Hut unter die Karaffe hielt. Granatrot sprudelte der Wein, und alles lachte befreit auf über diesen boshaften Scherz. Der brachte das gestörte Gleichgewicht ihrer Exkursionsgemeinschaft wieder in Ordnung. Der Simon aber wurde noch eine Spur bleicher als sonst, entleerte den Hut über dem Waldboden und sagte nur einen Satz, bevor er samt Buckelkorb zwischen den Fichtenstammen verschwunden war: "Meine Herren, wenn’s euch vor mir graust, so graust’s mir vor euch a. Habe die Ehre!"

Der Bergsegen aber ging von da an Jahr für Jahr weiter zurück und ist heute lang schon erloschen.

 


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