Lungauer Bergbau-Sagen
Die eiserne Henne

 

Der Hof der Ruepenbauern in Reit-Hintermuhr war eine kleine Welt für sich. Über dem Weiler Fall und gegenüber von Jedl auf steilem Hang gelegen, gab dieser Grundbesitz alles her, was zum Überleben notwendig war. Auf den Äckerflachen um Haus und Stall wurden Winterroggen, Weizen, Gerste, Erbsen, Leinsaat, Fütterbohnen und Hafer angebaut. Das Heu wurde großteils von den Bergmähdern geholt, um den geschützteren Besitz im Tal nicht als Wiesenland zu vergeuden. Jedes Büschel Gras war aber kostbar, und man scheute nicht die harte Arbeit der Bergmahd und des winterlichen Heuziehens, um auch diese steilen Bergweiden zu nutzen.

Denn überleben ließ sich in diesen Höhen nur dann, wenn jedes Fleckchen Erde genutzt war und jedes Paar Hände bei der Arbeit half. Rund ums Haus standen ein Getreidespeicher, eine Holzhütte, sogar eine Badstube und eine Kapelle. Für alles war gesorgt, was dem Menschen unentbehrlich ist und ihn freihalten konnte von falscher Abhängigkeit. Was kümmerte daher die Leute vom Ruepenhof der Bergbau nach Gold und Silber, der allenthalben seine Spuren der Verwüstung hinterließ?

Der Bauer brauchte Eisen, um die Pferde zu beschlagen und um Hacke, Messer, Säge und Nägel zu haben. Um seine Speicher, Korn und Speck,´Brautkasten und Brottruhe mit Schlossern zu sichern. Aber Gold und Silber ? Die feinen Herren, die mochten aus Goldbechern trinken und von Silberschüsseln Braten essen, aber mit dem Leben auf dem Ruepenhof hatte das alles nichts zu tun.


Arsenhütte Rotgülden

So ein Bauernhof konnte auch ganz gut leben ohne das Arsenerz, das in Rotgülden abgebaut wurde. Es ging nach Venedig, hieß es und brachte einträgliche Gewinne. Aber es wurde damit auch viel Unfug getrieben. Die Zigeuner gaben es den Pferden, damit sie lebhaft und rassig waren, bevor sie sie auf den Rösslmarkt nach Mauterndorf trieben. Da und dort gab es auch Todesfälle, wo das Arsen einen schlechten Menschen zum reichen Erben machte.

Der Ruepenhof war darauf eingerichtet, dass man bescheiden für sich lebte. Man hatte nichts zu verschenken, das trug es nicht, aber es war genug da, um nicht anderen zur Last zu fallen. Aber ganz aus der Welt lag auch der Besitz der Ruepenbauern nicht. Da und dort, öfter, als es ihnen recht sein konnte, stießen sie auf den Raubbau der Knappen, eckten Acker, Wald und Wiese an die Erzschürfe des Bergbaus an. So ein besonderer Ort, wo die zwei Welten zusammenstießen, war die Ruepenbauern Alm.

Es ist nun schon etliche Jahrhunderte her, da lebte eine Ruepenbauerin auf dem Hof, die hatte eine ausnehmend schöne Tochter. Als sie herangewachsen war und sich geschickt zeigte, alle Art Bauernarbeit zu tun, wollte sie es sich auch nicht nehmen lassen, im Sommer als Sennerin auf die hofeigene Alm zu ziehen. Die Knappen aber hatten nicht weit davon ihr Bergbaurevier und gerade unterhalb der Hütte, einen Steinwurf entfernt, war ihr Spielbichl, wo sie nach der Schicht in den Feierstunden zusammenkamen. Dieser Spielbichl, ein ebener, mit Gras dicht bewachsener Platz, ist bis heute im Gelände sichtbar.

Die Knappen hatten Geld, sie waren stolz und laut und übermutig. Seit in der Ruepenbauernhütte eine junge Sennerin mit rosenroten Wangen und blonden Zöpfen die Wirtschaft führte, waren sie noch prunkliebender und noch viel ausgelassener.  Öfter als früher kamen sie zum Spielbichl, um dort nach ihrer alten Gewohnheit "Platten zu schmeißen". Das war ein Spiel wie das Eisstockschießen, mit einem "Hasen" als Ziel, den man treffen musste. Aber es waren weder Stöcke noch Holzteller, mit denen die Knappen unter Geschrei und Gelächter auf den "Hasen" zielten, sondern Platten aus purem Silber. Wenn sie aber etwas zu feiern hatten, dann wurde auf dem Spielbichl ein Ochse gebraten, und Musikanten spielten auf und zuletzt rollten unter Holloderijo! die leeren Wein- und Bierfässer polternd und krachend über den steilen Hang ins Tal.

Die junge Sennerin verriegelte an solchen Abenden nicht nur die Hüttentür, sondern die Fensterläden dazu, denn es war schon vorgekommen, dass die Knappen, angeheitert von ihren Festesfreuden, noch spät in der Nacht johlend um die Hütte tanzten und Einlass begehrten. Sennerin zu sein, ist kein einfaches Leben. Aber als junge, hübsche Sennerin so nahe beim Bergbaurevier unter dem Silbereck eine Almwirtschaft zu führen, das war fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Einmal kam einer der Knappen zur Ruepenbauerin, legte einen Sack Silbertaler auf den Stubentisch und hielt damit um die Hand der Tochter an. Aber ein Knappe als Hochzeiter war auf dem Ruepenbauernhof nicht erwünscht. Die Bäuerin sagte es ihm auf den Kopf zu, dass ein Bauernhof  einen Bauern brauche, dazu Grund, Wald und Vieh und in allem noch den Segen Gottes, aber keine Silberstücke, und es wurde ihm recht bestimmt, wenn auch nicht ganz unfreundlich die Tür gezeigt.

Indessen trieben es die Knappen nur noch toller, unterhielten große Feuer, sprengten gar Felsen ab und machten das Vieh ganz unsinnig. Da wollte auch die Tochter nicht mehr langer auf der Alm aushalten. In der Not entsann sich die Ruepenbauerin einer alten Überlieferung, die ihr von der Großmütter her bekannt war. Sie schloss sich in der kleinen Bauernschmiede am Hof ein und fertigte dort heimlich eine eiserne Henne. In einer Vollmondnacht stieg sie auf die Alm und vergrub diese auf dem Spielbichl. Nicht lang danach erlöschte der Bergsegen und der Bergbau kam zum Erliegen. Die Knappen wanderten ab, um andernorts ihr Glück zu versuchen, ihre Hütten und Werkhäuser verfielen.

Am Spielbichl aber hielt sich die Sage, wer die Eiserne Henne findet, der konnte die Silberlager am Altenberg wieder erschließen. Andernfalls bleiben diese verborgen, bis die Eiserne Henne verrostet ist. Erst dann ist der Bannspruch der Ruepenbauerin erloschen, und der Silbersegen kehrt wieder zurück.


Der alte Ruepenbauernhof in Muhr

 


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