Lungauer Bergbau-Sagen
Das Gespenst in der Almhütte

 

Von den Werksgebäuden in Schellgaden führte ein Knappenweg zu dem 300 Meter langen Köhlerstollen im Süden des Bergbaureviers Jägerhalt. Rechts vom Knappenweg lag zu Zeiten, als hier nach Gold geschürft wurde, die Stiedlbauer Alm. Das Weideland zeigte deutlich die Spuren des Bergbaus. Denn bereits seit Jahrhunderten hatte die Suche nach kostbaren Bodenschätzen Gewerken, einzelgängerische Steinklauber und Strahler hier hergeführt. Nicht immer zur Freude des Stiedlbauern und seiner Almleute.

Über der nahen Kohlstatt hingen tagelang die Rauchschwaden, darunter litten Pflanzenwuchs und Vieh. Der Schwefelrauch vom Werksgelände setzte den zarteren Kräutern zu, die Milch und Butter den köstlichen Geschmack der Almweide gaben. Dafür machten sich grobes Unkraut und hartes Gras breit, wie es allenfalls für eine Rossalm tauglich war.

Einen guten Preis zahlten die Werkmeister in Schellgaden aber für gegerbte Sauhäute, die auf der Sackbahn zur Erzbeförderung eingesetzt waren. Je größer die Haut, desto besser der Preis. Auch der Stiedlbauer hielt eine Herde Schweine auf seiner Alm, wo sie zwischen verwachsenen Stollen den Boden nach Grünfutter, Schnecken und Würmern absuchten. Im Herbst zogen über fünf Dutzend Schweine, mit dichtem schwarzem Borstenfell und wasserhellen Augen von der Alm zu Tal, den festlich bekränzten Milchkühen hintennach.

Auf der Stiedlalm über Schellgaden die Wirtschaft zu führen war also kein Kinderspiel. Die Sennerin musste unerschrocken und resolut sein, damit sie es den Sommer über aushielt, das Rumpeln und Quietschen, Sprengen und Krachen, das die Hauer und Arbeiter an der Sackbahn verursachten. Leicht scheuten deshalb die Herden und verliefen sich in unwegsamer Bergödnis.

Dazu musste sie den Knappen und Erzklaubern, die sich kaum um Weidezaun und Grenzstein scherten, auch noch den Grundherrn zeigen. Denn wurden sie nicht eingeschränkt, so trieben sie eigenmächtig Schürfe in die Erde, machten Feuer, setzten Schießpulver für Sprengungen ein, leiteten nach ihrem Gutdünken kostbares Brunnwasser ab und hatten dazu auch beim Vieh nicht immer den richtigen Begriff von Eigentum. Es war auch schon vorgekommen, dass ein Mensch abging, ein Halter, eine junge Sennerin, ein Jäger, die von ihrem einsamen Gang über Berg nicht zurückkehrten. Aber die alte Stiedlbauersennin war akkurat und hantig, die war gerade recht. Sie blieb, auch wenn die Alm verrufen war. 

Sie harrte aus, trotzdem in der Hütte ein Gespenst umging. Es hatte sich im Ofenwinkel eingenistet. Wenn es gegen Abend ging und durch die geschwärzten Fensterluken im Westen die letzten Sonnenstrahlen einfielen, über die kupfernen Kaskessel glänzten und in die Herdgrube fuhren, bis der ganze Raum in Dunkelheit versank, stand es plötzlich da, eine weißgraue Gestalt, die einen löchrigen Strumpf in ihrer Hand hielt. Die durchscheinende Gestalt schritt lautlos über den Lehmboden und trat an die Fensterluke, wo sie stehen blieb, als wurden ihre Augen etwas suchen, das weit draußen in der Ferne lag.

Nach einer Weile kehrte sie in ihren Ofenwinkel zurück, lehnte mit abgekehrtem Gesicht, das Kopftuch weit ins Gesicht geschoben, an der Wand und stützte den Kopf in ihre Hände, als ob sie über etwas grüble. Manchmal blieb sie bis in die Nacht dort sichtbar. Ihre Kleidung bestand aus einem filzgrauen Oberrock, einem kurzen Kittel aus grobgewebter Leinwand und grauwollenen Strümpfen. Die Füße steckten in niederen Schuhen.


Anton Kenner: "
Das Gespenst in der Almhütte"
Heimatmuseum Tamsweg

Nach ihrer altväterischen Aufmachung musste sie schon vor langer Zeit verstorben sein. Nachts aber kam es vor, dass die Gestalt als Totengerippe hinter dem Ofen hervorschlich und sich dann unter Gepolter bei den Milch und Kasgeschirren zu schaffen machte. Dann fiel vom Heuboden krachend eine Gabel, die Fensterladen schlugen, das Vieh wurde unruhig und begann zu schreien. Auch lösten sich Schindeln vom Dach und stürzten unter dem Geheul des Nachtwindes zu Boden, während das Gerippe klappernd über den Boden schlürfte und dabei einen geisterhaften Lärm schlug, als ob es Holz hacke.

Das Gerede machte die Runde, es sei einmal eine junge Sennin auf der Stiedlalm gewesen, die hatte einen Goldklumpen, den ihr ein windischer Erzgräber anvertraut habe, unter dem Herd vergraben. Aber beide seien auf rätselhafte Weise verschollen, und man habe nichts mehr von ihr und auch von ihm nichts mehr gehört. Wegen dieses Totenspuks wollten auch die Knechte, die im Sommer zur Heumahd heraufkamen, nicht in der Hütte bleiben und nächtigten lieber in einem der Heustadel nahebei. Es war auch schwer, einen Halter zu finden.

So verfiel die Alm zusehends, und als in einem Frühjahr der Bauer das Hüttendach von einer mächtigen Lawine eingedrückt fand und das Innere verwüstet und feucht, ließ man die Wirtschaft veröden. Mit dem sinkenden Bergsegen hatte auch die Nachfrage nach Schweinshäuten nachgelassen, und zuletzt blieb nur eine ferne Erinnerung an die Stiedlbauernalm und ihre Sennerin, die so erstaunlich hartköpfig gewesen war, dass ihr nicht einmal das Gespenst in der Hütte den Schlaf geraubt hatte.

 


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