Lungauer Bergbau-Sagen
Das Freimannsloch

 

Einige Jahrzehnte vor der Entdeckung Amerikas drängte das Osmanische Reich mit expansiver Eroberungslust seinerseits nach Westen und schickte Scharen berittener Krieger bis ins Herz Europas. Angst und Schrecken griffen um sich, denn diese türkischen Reiter betätigten sich als ebenso blitzartige wie grausame Angreifer.

Zu dieser Zeit lebte in Kärnten ein Graf Lodron, der dort reiche Besitzungen hatte. Der Stammsitz seiner Familie befand sich in Gmünd. Die dortige Bevölkerung war in Unruhe versetzt, seit Nachrichten von den osmanischen Plünderern die Runde machten. Da wurde dem Grafen aus verlässlicher Quelle gemeldet, der türkische Padischah habe 30.000 Reiter gegen das reiche Venedig ausgeschickt.

Die welterfahrenen Patrizier vom Markusplatz ließen sich aber nicht dazu herbei, mit den türkischen Reitern auf dem Schlachtfeld zusammenzutreffen, um dort im Hagel ihrer Pfeile ein Blutbad zu nehmen. Sie hatten ihre schwimmende Stadt dichtgemacht wie ein Schiff auf hoher See, das Sturm erwartet, alle Landzugänge wurden geschlossen und nur über das Meer kam Nachschub.

Da mussten sich die osmanischen Reiter nach einem neuen Feind umsehen. Sie zogen nach Norden und drangen, überall Spuren ihrer Grausamkeit hinterlassend, nach Kärnten vor. Die Bevölkerung war tief verängstigt. Da entschloss sich Graf Lodron, der zwischen Turrach und Bundschuh Besitzungen hatte, seinen Familienschatz in diesem entlegensten und daher gut geschützten Ort in Sicherheit zu bringen.

Zehn Pferde, beladen mit Kostbarkeiten, zogen nachts, um keinen Verdacht zu wecken, von Gmünd aus nach Nordosten, von einem einzigen Mann angeführt. Es war der Graf selbst, der nur einen Hirten, den er von Kindheit auf kannte, ins Vertrauen gezogen hatte. Dieser Hirte Karl erwartete den Grafen auf der Kotalm von Turrach. Bei Tag trat Graf Lodron in der Kleidung eines Eisenhändlers auf, um unerkannt zu bleiben. Er suchte aber nach Möglichkeit seine Rastplätze ohnedies in Wäldern und auf Bergen, denn die Dörfer und Märkte waren unsicher geworden. Keiner traute mehr dem andern. Die Angst hatte die Leute wie ausgewechselt, und die harmlosesten Menschen waren plötzlich misstrauisch und unberechenbar.

Erst in der dritten Nacht erreichte Graf Lodron mit seinem Pferdezug die Höhe der Kotalm bei Turrach. Dort wartete Karl in der Hütte, um seinem Herrn bei der Verwahrung des Schatzes behilflich zu sein. (Nach diesem treuen Hirten soll das Karlnock an der südlichsten Spitze des Lungaus, wo die drei Länder Salzburg, Steiermark und Kärnten zusammenstoßen, seinen Namen haben.) Niemand durfte etwas vom Verbleib des Lodron’schen Familienschatzes erfahren, der sobald wie möglich zurück sollte nach Gmünd.

Vom Morgengrauen bis Sonnenuntergang leisteten sie erschöpfenden Einsatz, schleppten die prall gefüllten Säcke über eine Leiter nach oben und zogen sie dann über die schwindelerregende glatte Felswand, in die Karl Eisenstifte eingelassen hatte, in die Höhle. Diese schien für jedermann völlig unzugänglich. Sorgsam häuften sie den Schatz im Dämmergrund der Höhle auf, schlichteten kostbares Tafelgeschirr, umwickelten Schmuck und zuletzt deckten sie diesen Schatzberg mit schweren Tüchern ab.

Eine kurze Rast gönnte sich der Graf noch vor seinem Aufbruch, dabei nahm er dem Hirten das Versprechen ab, Stillschweigen zu bewahren und Karl entgegnete: "Wie ein Grab !" Dann schwang sich Graf Lodron auf seinen besten Rappen und machte sich auf den Heimweg nach Gmünd. Auf der Almweide der Kotalm grasten nun neun zusätzliche Pferde.

Graf Lodron kam jedoch in Gmünd nicht mehr an. Er fiel einer Schar türkischer Reiter in die Hände, die ihm den Kopf abhieben, diesen an einen Morgenstern steckten und als Trophäe mit sich führten. Vergebens hatte die Horde ihren Gefangenen nach Geld und Gold durchsucht. Der Graf war stumm geblieben und schien nichts weiter zu besitzen als eine verdächtige Anzahl leerer Taschen.

Da war nun der eine Mitwisser um den Schatz in der Freimannshöhle tot und stumm. Der zweite hielt indessen Wirtschaft in seiner Hütte und betreute Alm und Vieh. Weil aber die Zeiten unruhig waren, und es um die Kotalm so lange still geblieben war, machte sich eines Sonntags der Halter einer benachbarten Hütte auf den Weg, um nach Karl zu schauen. Da stand die Hüttentür offen, und die Herde war voller Unruhe, der Hirte aber lag tot auf dem Lehmboden, eine tiefe Messerwunde im Rücken. Dabei fiel ihm auch auf, dass eine hohe Leiter an der Felswand zur wellischen Kraxen lehnte, ging aber dem nicht weiter nach.

So war auch der zweite Mitwisser um den Schatz in der Freimannshöhle auf tragische Weise ums Leben gekommen. Gab es noch einen dritten Mitwisser? Unter den Almleuten rund um die Turrach und Bundschuh ging die Rede, dieser Nachbarhirte habe den Toten zur Kirche gebracht, damit er ein christliches Begräbnis erhalte und danach an seiner Stelle die Alm mitversorgt.

Um einen weißen Schimmel, der sich im Gelände verloren hatte, auszuspähen, war er eines Tages auf die Felswand der wellischen Kraxe geklettert, wo noch immer die Leiter am Felsen lehnte und darüber die in Blei versenkten Eisenklammern aus dem blanken Stein schauten. Höher und höher steigend, schaute er nach dem vermissten Schimmel aus, konnte diesen aber nirgendwo entdecken. Mittlerweile hatte er den Zugang zur Freimannshöhle erreicht und stieg dort ein.

Zuerst sah er die Hand nicht vor dem Gesicht, so zappenduster und brütend war die Finsternis, die im Innern der Höhle herrschte. Die Luft war schwer und stickig, und es roch nach Moder. Aber da war ein schimmernder Streifen Licht, der zurück in den geheimsten Winkel der Höhle fiel. Langsam tastete er sich vor. Sowie sich seine Augen an das Dunkel gewöhnten, traten die Umrisse deutlicher hervor, und er folgte dieser Bahn aus Funkenlicht und tanzendem Staub, bis er zu dem schwarzen Haufen in der Ecke gelangte, von dem in Fetzen zerschlissener Brokat hing.

Aber darunter, unter Staub und Spinnenwebe stand ein Sack voll Goldmünzen, da waren Pokale und Karaffen aus Silber und Kristall aufgetürmt. In zerschlissenen Samtkästchen und Beuteln lagen Schmuck und Zierrat verwahrt, Edelsteine und fremde Kostbarkeiten. Er hatte keinen Namen dafür, auch keinen Begriff von ihrer Herkunft und Bestimmung. Aber er war reich, reich wie ein Fürst! Da löste sich, wie von Geisterhand bewegt, ein gläserner, in Silber gefasster Pokal von der Spitze der aufgehäuften Reichtümer und sprang klirrend, in tausend Splitter berstend, auf den Steinboden. Verwundert blickte der Hirte auf und schaute in das Geistergesicht des verunglückten Karl, der als Wächter auf dem Schatz saß.

Entsetzt hing er an dieser Erscheinung, löste sich endlich von dem Bann dieses Anblicks und suchte eilends das Freie. Durch das Felsenloch stieg er in den hellen Sommertag zurück. Trotz des schönen Sommertages fröstelte ihn und kalter Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Griff für Griff tastete er sich über die steile Felsenwand hinab und stand endlich kreidebleich auf dem festen Almboden.

Viel später erst, beim Spanmachen und nach dem Krauteinschneiden, auf dem Kirchgang und an langen dunklen Winterabenden hat er sich diesem und jenem anvertraut. So zog die Geschichte vom Freimannsloch breitere Kreise, und von überall her stellten sich Schatzgräber ein, die über die wellische Kraxen zur Freimannsgrube aufstiegen, um sich dort dem Kampf mit dem wachsamen Geist des Verstorbenen zu stellen und die Reichtümer des Grafen Lodron an sich zu bringen.

Heute ist der Eingang zur Höhle verfallen oder auch vorsätzlich verschüttet, die Schätze sind ungehoben, aber noch immer wacht der Geist des treuen Verstorbenen über diesen Besitz, obwohl die Sagen, die davon berichten, beinah vergessen sind.

 


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