Lungauer Bergbau-Sagen
Die verirrte Burgfrau

 

Vor vielen Jahrhunderten, als undurchdringliche Wälder den Lungau überdeckten, wo Bär und Wolf ihre Fährten zogen und sich die einfachen Menschen in niedrigen Holzhütten zusammendrängten, war Finstergrün bereits eine mächtige Burg. Ihr Besitz schloss auch schwer zugängliche Waldgraben und Gebirge ein, wo es kostbare Bodenschätze zu gewinnen gab. Der Burgherr berief im Bergbau erfahrene Leute zu sich, um den Abbau der Erze voranzutreiben, bewahrte sich aber seine ritterliche Lebensart, richtete Turniere aus, liebte die Jagd und war seiner jungen Frau Leonore von Herzen zugetan.

Ihre einsame Festung war gastfreundlich, sodass sich des Abends fast immer eine lebhafte Gesellschaft im Burgsaal zusammenfand. Da gab es Neuigkeiten, Lautenmusik und den Vortrag fahrender Sänger, die von Rittern erzählten, die Drachen besiegten oder nach dem heiligen Gral suchten, indessen das Kaminfeuer prasselnd herabbrannte.

Aber das größte Vergnügen fand Seyfried, wie der Burgherr hieß, an der Jagd. Alle Aufgänge in die Burg und die große Halle waren mit Trophäen behängt. Da gab es Wolf und Bär, Hirsch, Gams, Marder, Auerhahn und selbst Adler zu bewundern. Auch Leonore, die aus einem Land im Süden stammte und erst durch ihren Gemahl die Jagd kennengelernt hatte, fand Gefallen daran, im Jagdzug durch die Wälder zu reiten, begleitet von Hörnerschall, Trompetenklang und Hundegebell.

Eines Tages aber verlor sie dabei den Anschluss an ihre Jagdgefährten. Sie hatte eine Zeitlang auf einem Moospolster Rast gehalten und war ins Träumen geraten. Als sie endlich aufschreckte, war von dem Spektakel der Treiber und Jäger nur mehr ein fernes Echo zu vernehmen. Rasch stieg sie auf ihren Schimmel und lenkte ihn dorthin, wo sie den Jagdlärm hörte.

Dabei geriet sie aber in Gestrüpp und wegelose Wildnis und musste ihr Pferd über Stock und Stein, durch Brennnesseln und Himbeerstauden treiben. Von dem beschwerlichen Ritt waren bald Mantel und Kleid zerrissen und auch die feinen Stiefel aus weichem Rehleder waren von Dornen und Gezweig übel zerkratzt. Schließlich geriet sie in eine tiefe Waldschlucht und fühlte sich vor Erschöpfung schon einer Ohnmacht nahe, als sie ihr Schimmel an eine Quelle führte. Das köstliche Wasser sprudelte aus einer Felsenmulde, die geformt war wie ein Sitz.

Da bettete sie sich hin, und alle Furcht und Beklemmung lösten sich und wichen einer tiefen Ruhe. Der Ort strömte etwas so Behutsames und Linderndes aus, dass sie bald selig einschlief. Pferdegetrappel und Hörnerklang weckten sie aus ihrem Schlummer. Seyfried, in großer Sorge um seine verschollene Gemahlin, hatte die Jagd abgebrochen, um Leonore zu suchen.

Glücklich schloss er die verloren Geglaubte an der Quelle in seine Arme. Die Burgfrau aber veranlasste, dass an dieser Quelle am hohlen Stein eine hölzerne Kapelle errichtet werde.

So entstand das Wallfahrtskirchlein Maria Hollenstein. An den steilen Hang geschmiegt, wird das Quellwasser, das vor dem Kirchenbau aus einem Felsen entspringt und in eine Steinmulde fließt, als heilkräftiges Augenwasser verehrt. Aber auch als Heiratskirche hat der Ort eine alte Tradition. Denn es heißt allgemein, dass in Maria Hollenstein geschlossene Ehen glücklich werden. 

 

 


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