Lungauer Bergbau-Sagen
Die Bergmännlein verlassen die Burg

 

Das Frühjahr des Jahres 1841 war ungewöhnlich warm und schön gewesen. Die Juniwochen brachten weiter prachtvolles Sommerwetter, sodass die Knechte früher als gewöhnlich ihre Sensen für die “Groamahd” dengelten und auch Hafer und Roggen standen höher, als es für die Jahreszeit zu erwarten war. Das verarmte Dorf, das zur Gänze auf die Landwirtschaft zurückgeworfen war, sah voll Hoffnung einer guten Ernte entgegen. Aber Anfang Juli brachen lange, drückend heiße Tage an und kein Regentropfen befeuchtete das Land, das bald gelb und trocken unter der stechenden Sonne lag.

An so einem wolkenlosen Sommertag trieb ein Hirte seine Schafe auf die Burg, wo es den Tag über hübsch schattig blieb. Zwischen dem alten Rundturm, auf dem bereits die Fichtenbäumchen saßen, und der baufälligen Wohnburg wuchs gutes, zartes Gras. Da konnte er den lieben langen Tag unter dem Schatten eines Ahorns verdösen. Die Tiere blieben aus freien Stücken auf dem ebenen Platz rings um die Burg, wo den Boden eine feine dichte Decke aus Gras überzog. Aber mit einmal schreckte der Hirte aus seinen Tagträumen auf und rieb sich verdutzt die Augen. Noch ganz schlafbefangen schaute er auf eine lange Reihe dunkel gewandeter Zwerge, die mit kleinen Trippelschritten an ihm vorbeizogen. Die Burgmännlein, in ihre schönen grünen Wamser gekleidet, das silbergraue Haar bis auf die Schulter herabfallend, verließen die Burg! Ihr Zug kam aus der unteren Pforte, die im Turm eingelassen war. 

Jedes der Männlein trug sein Gepäck. Der eine hatte einen Sack geschultert, da schleppten sie zu zweien einen dicken Weidenkorb. Ein anderer zog auf einem Leiterwagen eine eisenbeschlagene Kiste hinter sich her, und ein Vierter kam mit Rucksack und Beutel aus dem Gemäuer hervor. In langer Reihe und mit ernsten Gesichtern marschierten sie in Richtung der Siebenschläferwand, wo sie der Waldboden rasch verschluckte. Denn die Männlein waren nicht größer als ein Fichtenstock oder ein Stängel Schafgarbe oder Eisenhut.

Nun war aber der Hirte ein aufgeweckter Bursche, der wissen wollte, was es damit auf sich hatte. Er fasste sich ein Herz und trat ihnen in den Weg, ehe sie im Wald verschwinden konnten. “So sagt´s mir doch”, redete er zwei Zwerge geradeheraus an, die sich abmühten, einen kleinen Holzbottich fortzuschleppen, der bis obenhin mit winzigen silbernen Löffeln, Gabeln und Messern gefüllt war, “was hat denn das zu bedeuten, dass ihr Zwergenvolk von Finstergrün abzieht ?”. Aber die Männlein taten, als bemerkten sie ihn nicht und zogen mit unbewegter Trauermiene an ihm vorbei, ohne Antwort zu geben. Das wollte sich der Hirte nicht gefallen lassen und beinah ärgerlich drang er weiter in die Männlein ein. Aber die blieben so stumm wie die Fische und zogen mit ihren Kostbarkeiten waldeinwärts.

Da kam zuletzt ein winziger Kobold dahergesprungen, der war im Unterhemd und ganz ohne Sack und ohne Pack, als hatte er in der Eile des Aufbruchs nichts mehr an sich nehmen können. Zappelnd wollte er am Hirten vorbei, aber da hatte ihn dieser schon am Schlafittchen gepackt und setzte ihn auf einen Ast, damit er ihm Rede und Antwort steh. “Sag du mir, Männlein, was geht hier vor? Ist das ein Trauerzug oder geht ihr auf die Wanderschaft? Hütet ihr denn nicht mehr Burg und Berg?”.

Der Kleine wand sich zuerst hin und her, aber schließlich rückte er doch mit der Sprache heraus: "Wir müssen von hier fort”, sagte er traurig, “denn es steht ein großes Unglück bevor, und es sind nur noch wenige Tage Zeit bis dahin! Lasst mich nun frei, ich muss zu meinen Gefährten!” Damit tat der Kobold einen Luftsprung in den Wipfel des Baumes hinauf und war verschwunden.

Tatsachlich brach nur wenige Tage später der große Waldbrand aus, der Ramingstein verwüstete. Drei Wochen litten die Bewohner Todesangst vor diesem Flächenbrand, der den ganzen Südosten des Lungaus verheerte. Selbst in den Häusern, die nicht niederbrannten, verbogen sich in der Hitze die Schlösser, blieben die Uhren stehen und zersprangen die Fenstergläser.

 

 


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