Die Ramingsteiner Bergordnung von 1459

Nachdem man in Ramingstein 1443 auf reichhaltige Silbererzlager gestoßen war, scheint der Bergwerksbetrieb unmittelbar einen raschen Aufschwung erlebt zu haben. Dieses rasche Aufblühen des Bergbetriebes und der dadurch verursachte Zustrom von Bergleuten erforderte bald eine Regelung der rechtlichen und sozialen Belange der noch jungen Berggemeinde. So finden wir in einer Urkunde aus dem Jahr 1446, in welcher den Moßhaimern die bisher gewährte Wechselfreiheil neuerlich zugestanden wurde, erste Hinweise auf eine rechtliche Sonderstellung des Bergortes Ramingstein. Erzbischof Friedrich von Salzburg bestätigte nämlich den Moßhaimern zugleich mit der Verleihung der sechs gefreiten Jahre das Recht, dass die Knappen unter einem eigenen Berggericht stehen sollten, ausgenommen jene vier Händel, welche das Leben berühren; diese sollten weiterhin vom Landrichter geahndet werden.





Als folgerichtige bergrechtliche Weiterentwicklung wurde einige Jahre später die Gerichtsfreiung verliehen und eine Bergordnung erlassen.

Wolfskron kannte ein Urkundenfragment aus dem Jahre 1459, das er die „Magna Charta" des Ramingsteiner Bergbaues nannte. Er hat dieses Privileg abschriftlich in den Akten des Pflegegerichtes Tamsweg gefunden und vermutete, dass es sich dabei um den Schlussteil einer umfangreichen Urkunde handeln muss.

In der im Osten an den Lungau angrenzenden Herrschaft Murau lässt sich bereits seit dem 13. Jahrhundert Bergbautätigkeit nachweisen. In der Neuzeit waren das Eisenbergwerk in Turrach und das Stahlwerk in der Paal über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Sowohl die Liechtensteiner von Murau als nach ihnen die Fürsten Schwarzenberg haben als Inhaber der Herrschaft Murau seit jeher dem Bergbau und dem Hammerwesen große Aufmerksamkeit gewidmet. So entstand offensichtlich im Auftrag dieser Herrschaft gegen Ende des 16. Jahrhunderts (frühestens 1569/70) eine Handschrift mit einer umfangreichen Sammlung von Bergordnungen und bergrechtlichen Entscheidungen. Diese Handschrift des Schwarzenberg'schen Archives auf Schloss Murau wurde 1915 aus Sicherheitsgründen in das Schwarzenberg' sche Zentralarchiv nach Krumau verlagert.

Dort konnte Walter Brunner aus Graz um 1970 diese Handschrift einsehen und fand darin eine vollständige Abschrift der Ramingsteiner „Magna Charta" vom Jahre 1459, deren Schlussteil mit dem von Wolfskron edierten Fragment identisch ist. Brunner hat darüber ausführlich in den „Mitteilungen der Ges. d. Sbg. Landeskunde" berichtet.

Im November 1996 kamen die ehemals nach Krumau verleihten Archivbestände wieder nach Murau zurück. Bürgermeister Johann Bogensberger hatte im Zuge seiner Bemühungen die Rückgabe der Archivbestände in S.D. Fürst Schwarzenberg tatkräftige Unterstützung erhalten.

Nachdem der Volksschulleiter Peter Heiß ich von der Rückkehr der Bergordnung erfahren hatte, wandte er sich an den zuständigen Archivar Wolfgang Wieland mit der Bitte, eine Kopie davon zur Verfü gung zu stellen, die dankenswerterweise im Auftrag S.D. Schwarzenberg umgehend erfüllt und dem Verfasser sowie Gemeinde Ramingstein gewidmet wurde. Durch dieses Bemühen ist dieser über Jahrhunderte verschollene Text für Ramingstein einst so wichtigen Urkunde wieder an den Ursprungsort zurückgekehrt. In der Folge ließ Bürgermeister Johann Bogensberger eine Fotografie herstellen. Ein Teil dieser Urkunde ist im Gemeindeamt Ramingstein in einer Vitrine ausgestellt. 

Die Ramingsteiner Bergordnung von 1459 ist im Murauer Bergcodex in 44 Abschnitte gegliedert. Sie wurde am 1. Oktober 1459 vom Salzburger Erzbischof Sigmund erlassen. Man kann davon ausgehen, dass es sich dabei um die erste und älteste Ramingsteiner Bergordnung handelt. Dem Inhalt nach ist diese Bergordnung ein reines Lokalrelikt, das speziell für Ramingstein erlassen wurde und über die Ramingsteiner Freiung hinaus keine Gültigkeit hatte. Die Niederschrift erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch der Ra mingsteiner Grubenmeister und Bergleute, die sich diesbezüglich schon seit längerer Zeit an den Landesfürsten gewandt hatten. Der Entwurf des Gesetzes wurde vor der Reinschrift den Ramingsteiner Bergleuten zur Begutachtung vorgelegt und erst anschließend vom Erzbischof bestätigt. Er behielt sich jedoch das Recht vor, diese abzuändern bzw. zu verbessern wie es ihm und seinen Nachfolgern gut dünke. 

Da für die Entwicklung eines eigenen Gewohnheitsrechtes in der  Ramingsteiner Berggemeinde wohl noch zu jung war, kann man davon ausgehen, dass verschiedene Bestimmungen von anderen Bergordnungen übernommen wurden. So konnte Brunner nachweisen, dass 8 Artikel zur Gänze oder teitweise mit dem Zeiringer Bergrecht aus dem Jahre 1339 übereinstimmt, 33 gehen auf die Bergrechte von Gastein und Rauris zurück. Weiters konnten in einem Artikel Anklänge an den Schladminger Bergbrief festgestellt werden. Die weiteren Bestimmungen, die sich in keiner Vorlage finden ließen, betreffen speziell für Ramingstein geltende Verfügungen. Die Ramingsteiner Bergordnung aus 1459 wurde während der nächsten Jahrzehnte nach und nach durch neue Gesetze er setzt, möglicherweise bereits durch die Bergordnung des Erz bischofs Bernhard vom Jahre 1477.

Geregelt wird in dieser ältesten Ramingsteiner Bergordnung die Verleihung der Gruben durch den Bergrichter bzw. die Wechsler oder im Ausnahmefall durch den Grundherrn. Der vierzigste Teil gehörte dem Grundherrn, während der Landeshherr Fron und Wechsel beanspruchte. Artikel 2 bestimmt die Art der Grubenverleihung und deren Ausmessung. Dann folgen Anweisungen über das Anlegen der Gruben, über die Abgrenzungen zu den Nachbargruben, über die Scheidung der Grubenfelder, Durchschläge, Fristen bei Streitigkeiten, Stellung der Lohnarbeiter u.s.w. .

Der Erzbischof betrieb damals den Bergbau nicht selbst, sondern verlieh ihn an einzelne Gewerken, deren rechtliche Stellung ebenfalls geregelt wird. Besonderer Beachtung bedurfte die Einhaltung der Vorschriften über das Feuersetzen in den Gruben. Silber und Gold durften nur im Brenngaden (Schmelzhütte) des landesfürstlichen Wechslers gebrannt werden. Die Arbeitszeit dauerte im Sommer von 6 Uhr früh bis 6 Uhr abends; nur am Samstag endete sie zu Mittag. Im Winter wurde von 8 Uhr früh bis 4 Uhr Nachmittag gearbeitet. Fielen zwei Feiertage in einer Woche an, wurde nur einer bezahlt, der andere nicht, mit Ausnahme von Weihnachten, Ostern, Pfingsten und den vier großen Frauentagen sowie Johannestag und Zwölfbotentag und kirchlich „gesetzten" Feiertagen. Den Gerichtsstand hatten die Bergleute vor dem Bergrichter, der auch die Gerichtsbußen einhob. Mörder und Totschläger waren dagegen dem Landrichter auszuliefern oder es musste eine Bürgschaft durch Hinterlegung von 30 Mark geleistet werden.

Für den Landesfürsten von Bedeutung waren Fron und Wechsel. Unter dem Titel Fron stand dem Erzbischof der zehnte Kübel Erz zu, während ihn das Wechselrecht befugte, Gold und Silber von den Gewerken zu einem fixierten, niedrigen Preis anzukaufen. Der örtliche Wirkungsbereich des Bergrichters war auf die Freiung Ramingstein beschränkt, deren Grenzbeschreibung zusammen mit der Verleihung eines Wochenmarktes den Abschluss der Bergordnung bildet.

Mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Ramingstein


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