Mauterndorf: Die Gewerkenfamilie Jocher

Das mächtigste Gewerkengeschlecht stellten die aus Bayern eingewanderten Jocher. 1571 wird erstmals Christoph Jocher genannt, der aus Kochl am Ammersee zugezogen war, wo seine Familie seit Generationen Bergbaue auf Silber und Gold betrieb. Er war Besitzer des Eisenwerks in Bundschuh und hatte Bergbaue in Zederhaus, Muhr, Tweng, St. Michael, bei Ramingstein und Kendlbruck. Bereits 1567 gehörten ihm mehrere Häuser in Mauterndorf, wo er 1594 hoch vermögend verstarb. Die prunkvolle Grabstätte der Jocher befindet sich neben jenen anderer Gewerkenfamilien in St. Gertrauden.

Unter seinem Sohn Karl Jocher erreichte das Geschlecht der Jocher seinen Höhepunkt an Wohlstand und Ansehen. Kaiser Matthias bewilligte 1613 eine Adelsbestätigung und Wappenverbesserung, denn erst der Vater Christoph Jocher war in den Adelsstand erhoben worden. Amtliche Würden besaß dieser als Kastner (Einheber von Abgaben) und späterer domkapitlischer Pfleger in Mauterndorf, sein Sohn Karl übte in Baierdorf bei Murau das Pflegamt aus. Der standesgemäße Wohnsitz befand sich in Mauterndorf, in dem das Marktbild bis heute bestimmenden „Lankmayrhaus" mit den fränkischen Treppengiebeln an der imposanten Frontseite, das die Jocher 1594 vom Fleischhauer Hans Staudinger erworben hatten. Sie gestalteten es zu einem vornehmen Wohnhaus im Renaissancestil aus.

Trotz mancher Zerstörung vermittelt dieses Gebäude bis heute ein anschauliches Bild von den Eebens-verhältnissen einer begüterten Patrizierfamilie während der Blütezeit des Eungauer Bergbaues. Das Haus teilte sich in drei Trakte, davon der mittlere einen Hof mit Säulengängen umfasste; im Erdgeschoß blieb dieser Säulengang erhalten. Im dritten Trakt lagen die Wirtschaftsräume. Im Wohnhaus, also im ersten Trakt, waren im dritten Stockwerk der mit einer Kassettenholzdecke verzierte Rittersaal und die Hauskapelle untergebracht. Dieser Teil wurde 1890 durch einen Brand verwüstet, gänzlich zerstört wurde der Wohntrakt und der Großteil des zweiten Traktes beim Marktbrand von 1912.

1696 verkauften die Nachkommen Karl Jochers das Haus, in dem von 1726 an das domkapitlische Pflegamt eingerichtet war. In dieser Funktion blieb es bis 1803 bestehen, als die kirchlichen Besitzungen vom Staat säkularisiert wurden. 1810-1816 war das stattliche Gebäude Sitz des königlich-bayerischen Rentamtes. Danach wechselten die Besitzer in rascher Folge, bis das Haus im Jahr 1980 von Josef Seitlin-ger auf die Familie Lankmayr überging, die hier eine Fleischhauerei eröffnete.

Die Jocher, das sei hier noch angemerkt, waren das einzige Gewerkengeschlecht, das über 100 Jahre im Lungau Bergbau betrieben hat. Die Gewinne, die sie daraus erwirtschafteten, ermöglichten den Erwerb von weiteren Gebäuden.

Zu ihrem Besitztum gehörte bis 1694 auch die einstige Jochermühle, unterhalb der Burg an der Taurach gelegen. Karl Jocher besaß den später als Eisenkasten verwendeten Jocher-Kasten zur Warenlagerung, das Hammerhaus (Nr. 35), heute das so genannte Dörrerhaus der Familie Schiefer, das Haus des Bäckers Gilg Locker (Nr. 113), in dem sich nun die Drogerie Stocker befindet und weitere Gebäude. Seinem Sohn Wolf Reichard Jocher gehörte dazu noch das Praunhaus (Nr. 2), einst das Brauhaus der Familie Praun, heute Appartementhaus „1619" der Familie Steinlechner sowie das heutige Gemeindehaus (Nr. 52), das ehemalige Löckerhaus. 1810 erwarb es die Bürgerschaft, in deren Besitz es bis heute blieb. Von 1887 bis 1907 war in diesem Löckerhaus auch die Schule untergebracht. Das Geschlecht der Jocher setzte seinen Erwerbssinn aber nicht nur im Eigeninteresse ein, sondern auch zum Wohle der Bedürftigen. Sie stifteten das Bruderhaus, an das heute nur mehr die Bruderhausgasse erinnert, finanzierten die Vergrößerung der Pfarrkirche, wo ihnen das Jocheroratorium auch namentlich ein Andenken bewahrt und stifteten der Kirche St. Gertraud einen Altar. Dort lebt das Gedächtnis an die Jocher auch mit einer Zinntafel und mehreren prunkvollen Grabmälern fort.
Die goldenen Zeiten des Lungauer Bergbaus waren um 1600 vorüber, das 17. Jahrhundert brachte wirtschaftlich einen merklichen Rückgang, der sich im 18. Jahrhundert, als die Gewerken aus Mauterndorf längst abgewandert waren, noch drastischer fortsetzte.

Aber die steinernen Zeugnisse des einstigen Reichtums blieben bestehen und zeichnen das Marktbild von Mauterndorf bis heute mit alter Würde und Schönheit aus.


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